Geschichte

2016 - Jahresbericht

In diesen Tagen las ich im Internet einen Artikel mit dem Titel „Ukraine: Europas vergessener Krieg“. Im April 2014 begannen die Auseinandersetzungen im Osten des Landes und dauern inzwischen schon fast drei Jahre. Für die Menschen in der Ostukraine bleibt der Krieg weiterhin grausamer Alltag, aber die Folgen erschüttern das ganze Land. Vor allem infolge des politischen Umgangs in dieser Situation werden die Menschen an existenzielle Grenzen getrieben.

 

Ab September wurden die Strompreise nahezu verdoppelt. Gas kostete bisher
7 Griven/m³ im Sommer und 3 Griven/m³ im Winter. Jetzt gilt der Sommerpreis das ganze Jahr.

Der Kurs der ukrainischen Währung ist wieder leicht gefallen. Im November bekam man in den Unterkarpaten für 1 Euro 29 Griven. Allerdings wird allgemein mit einem drastischen Kursverfall nach dem orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar gerechnet. 

Zu einem der größten Probleme hat sich im zweiten Halbjahr das Weggehen großer Teile der arbeitsfähigen Einwohner aus den Unterkarpaten entwickelt.

Allerorten stößt man auf Werbung für Arbeit im westlichen Ausland. So wird in Ungarn ein Durchschnittslohn von 700 €/Monat angeboten, in anderen Ländern der EU wie Polen, der Tschechei oder in Deutschland gar 1.400 €/Monat. Das ist zu Hause in den Unterkarpaten mindestens ein Jahreslohn!

So ist es kein Wunder, wenn es zunehmend schwierig wird, Arbeitskräfte für alle Bereiche zu finden. Ob einen Handwerker für zu Hause, Mitarbeiter in Kirche und Diakonie oder Bauarbeiter beispielsweise für das Reha-Zentrum „Alte Mühle“ – die Situation ist überall gleich. Seit September war es nicht möglich, Bauarbeiter für die dortigen Arbeiten zu bekommen.

Das Krankenhaus in Beregszász sucht offiziell „Pförtner, Krankenschwester und –pfleger und ausgebildete (!) Heizer“.

In der Schule von Fornos sind im September alle Lehrer weggegangen. Geblieben sind die Reinigungskräfte mit den Schülern.

Eine ähnliche Situation wird vom Kindergarten im Dorf Gut berichtet. Dort haben Ende September alle Mitarbeiter Arbeit und Heimat verlassen und sind in Richtung Westen gegangen. Ca. 40 Kinder sind allein geblieben. Mit einer Kindergärtnerin konnte wenigstens vereinbart werden, dass sie nach einem Monat „Auslandsaufenthalt“ zurückkehrt.

Diese wenigen Beispiele zeigen, wie existenziell die Arbeitskräftesituation in den Unterkarpaten ist. Der Bischof der Reformierten Kirche sagte mir, dass er die Löhne der Mitarbeiter im Reha-Zentrum in Vári dringend anheben müsse, damit sie nicht auch noch weggehen. 

Man müsste denken, dass die Politik hier gefordert ist. Die Geschehnisse zeigen sehr deutlich, dass die Leidensbereitschaft und –fähigkeit der Menschen ein Ende hat. Aber die „Schraube“ wird immer noch weiter angedreht. Von den Milliarden aus dem Westen kommt bei den Menschen nicht ein Cent an. Man fragt sich immer mehr, woher so eine Regierung, so ein Staat seine Daseinsberechtigung bezieht.

 

Hilfstransporte

Mit der letzten Hilfssendung in diesem Jahr wurden hauptsächlich Bekleidung und Ausrüstungsgegenstände sowie vier Pumpen für die Feuerwehr in Dercen und die im Aufbau befindlichen Löschgruppen in mehreren Dörfern transportiert. Vor allem unsere Kontakte zur Christlichen Feuerwehr-Vereinigung und seit Herbst auch zum Pressesprecher des Landesfeuerwehrverbandes Sachsen e. V. haben dies möglich gemacht. Unabhängig voneinander haben wir in diesem Jahr auch drei Feuerwehrfahrzeuge angeboten bekommen. Doch leider konnten wir diese nicht näher prüfen und ggf. annehmen, da die Ukraine im Sommer ein neues Gesetz erlassen hat, nachdem alle Fahrzeuge, die ins Land gebracht werden sollen, die Abgasnorm Euro 5 erfüllen müssen. Da die Ukraine aber selbst keine Feuerwehrautos herstellt, sind demzufolge alle im Land befindlichen Fahrzeuge bis auf sehr wenige Ausnahmen noch aus sowjetischer Zeit und damit mehr als 25 Jahre alt. Das zeigt einmal mehr, was für eine „sinnvolle“ Politik die Ukraine betreibt.

 

Weihnachtspäckchenaktion

s ist eine Freude und ein Wunder zugleich, wenn sich in jedem Jahr kleine und große Spenden für unsere Aktion „Weihnachtsfreude“ ansammeln. Auch wenn wir uns gegenwärtig im „Endspurt“ der Aktion befinden, so können wir doch bereits jetzt wieder von einer Spendensumme berichten, die es möglich macht, einerseits den Wert der Päckchen zu erhöhen und andererseits rund 400 Kinder mehr in unsere Weihnachtspäckchenaktion einzubeziehen. 

Damit dürften in diesem Jahr mehr als 6.000 Kinder eine großartige Weihnachtsüberraschung bekommen. Gerade in Zeiten voller Unruhen, sich dramatisch verschlechternder Lebensbedingungen bis zu Lebensveränderungen und der vielen Ängste und Unsicherheiten freuen sich die Jungen und Mädchen nicht nur über eine tolle Überraschung, sie zeigt ihnen und oft auch ihren ganzen Familien, dass sie nicht vergessen sind!

Herzlichen Dank allen, die für diese Aktion spenden und beten.

 

Persönliches

Der Sonntag, 02.10.16, wird Pfarrer Sándor Zán tief in Erinnerung bleiben. An diesem Tag beging er sein 20jähriges Dienstjubiläum als Pfarrer von Vári. Doch von all den umfangreichen Vorbereitungen für den Festgottesdienst ahnte er nichts. Der Gottesdienst verlief so ganz anders als gewohnt. Viele Weggefährten und Freunde gratulierten, zum Teil persönlich oder auch mit schriftlichen Grüßen.

Wir schließen uns den Glückwünschen an und wünschen ihm weiterhin Gottes Segen für seinen Dienst.

 

Am Morgen des 01.10.16 brach im Bereg Camp,
dem Freizeitheim der Kinder-Evangelisations-
Bewegung, ein verheerendes Feuer aus, dass
das Gebäude überwiegend zerstörte. Nach
provisorischen Sicherungsmaßnahmen haben
Fachleute inzwischen für den Wiederaufbau
„grünes Licht“ gegeben, der schrittweise erfolgen
wird.

Gulacsy Lajos

Am 06.11.16 verstarb Altbischof Lajos Gulácsy im Alter von 91 Jahren. Auch in diesem hohen Alter war er noch als Pfarrer aktiv. An diesem Sonntag hatte er die Vertretung für zwei erkrankte Pfarrer zugesagt, seine Predigtvorbereitungen fertig gemacht und sich für den Dienst angezogen. Nachher setzte er sich noch an den Tisch und ist friedlich eingeschlafen.

Der „kleine große Mann“ war der letzte Überlebende der sowjetischen Straflager aus der Reformierten Kirche. Seine Lebenserinnerungen, die sich sehr stark mit seinen Erlebnissen im kommunistischen Gulag in Kasachstan beschäftigen, sind auch auf Deutsch unter dem Titel „Aus der Tiefe in die Höhe“ erschienen.

 

Projekte und Unterstützungen

Zum Erntedankfest am 02.10.16 führte die Ev.-Luth. Kirchgemeinde Falkenstein-Grünbach einen Basar zugunsten des Reha-Zentrums für behinderte Kinder in Vári durch. Verkauft wurden u. A. das typische ungarische Paprika-Pulver, Pflaumenmus, Akazien- und Wildblütenhonig, handgemachte Nudeln, gewebte Teppiche, Schürzen und geflochtene Körbe. Der Erntedankbasar war ein großer Erfolg und wir danken besonders allen fleißigen Helfern.

 Erntedank-Basar der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Falkenstein-Grünbach

Wie ich bereits oben geschrieben habe, gibt es aufgrund des Arbeitskräftemangels inzwischen Stillstände bzw. deutliche Verzögerungen bei den Bauarbeiten im Rehabilitationszentrums „Vergissmeinnicht“ für behinderte Kinder in Vári. So konnte der zweite große Behandlungsraum im Hauptgebäude, dessen Ausbau für dieses Jahr geplant war, noch nicht in Angriff genommen werden. Weitgehend fertiggestellt wurde dagegen das Nebengebäude mit Küche und Speisesaal. Es beherbergt auch ein paar Gästezimmer, die im Moment von einer Freiwilligen aus Holland genutzt werden.

Nebengebäude mit Küche und Speisesaal   Küche

Mit der Gänsehaltung wurde in diesem Jahr begonnen, die Apfelplantage konnte noch nicht angelegt werden. Auch hier macht sich die Arbeitskräftesituation bemerkbar.

Weiterhin wurde in diesem Jahr durch die Unterstützung von „Hilfe für Brüder“ eine kleine Behindertenwerkstatt mit Holzbearbeitungsmaschinen eingerichtet. Diejenigen von den behinderten Kindern, die dafür geeignet sind, haben bereits erste Vorbereitungen für Weihnachten getroffen und Sterne für Kerzenständer vorbereitet.

       kleine Behindertenwerkstatt   Holzbearbeitungsmaschinen  für Weihnachten vorbereitete Sterne

Erfreulich ist auch, dass bei meinem Besuch im Zentrum im „Schulzimmer“ gerade fleißig Zähneputzen geübt wurde.

Überweisungen bitte mit dem Kennwort: Behinderte

 … auch Zähneputzen will gelernt sein

Eine finanzielle Unterstützung hatten wir auch für den Zigeuner-Kindergarten in Vári gegeben. Doch auch hier konnten zwar die Steine für den Neubau der Terrasse und die Umgestaltung des Hofes gekauft werden und liegen vor Ort, aber die eigentlichen Bauarbeiten stehen aus den bekannten Gründen noch aus.

Zigeuner-Kindergarten in Vári Kindergarten-Gruppe

Von Bischof Sándor Zán wurde die Bitte an uns herangetragen, den Kauf eines Hauses für eine arme Familie zu unterstützen. Diese Familie hat ein sehr schweres Schicksal. Inzwischen leben zwei der vier Enkelkinder bei der Oma in Vári. Die Mädchen gehen in die 1. Klasse bzw. noch in den Kindergarten. Doch das Wohnhaus der Großmutter ist in einem sehr desolaten Zustand und wird den Winter wohl nicht überstehen. Außerdem hat es keinen Fußboden. Eine holländische Stiftung wollte eine Renovierung des Hauses bezahlen, schätzte das aber nach einem Vor-Ort-Termin als sinnlos ein.
Bischof Sándor Zán möchte für die Familie ein vernünftiges Haus kaufen, das ihnen auch noch in Jahren Freude macht. Zwei holländische Stiftungen haben bereits ihre Beteiligung am Kaufpreis (ca. 16.000 Euro) zugesagt und auch wir möchten dazu beitragen.
Wenn Sie den Hauskauf unterstützen möchten, überweisen Sie bitte mit dem Kennwort: Haus

Herzlichen Dank, dass Sie uns immer wieder die nötigen Mittel zum Weitergeben und zur konkreten Hilfe anvertrauen.

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Wir danken Ihnen herzlich für alle Ihre Unterstützung, für Ihr Interesse, Ihre Mitarbeit und Engagement, für Ihre Gebete und Ihre Spenden in diesem Jahr 2016.

Ohne Sie wäre alle Hilfe für die Menschen in den Unterkarpaten nicht möglich geworden. Und wenn es auch oft nur der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“ ist, so kann er für den Empfänger groß und wertvoll sein. Jeder Tropfen ist ein Zeichen der Liebe und der Hoffnung, ohne die unsere Welt verarmt und die uns jedoch innerlich ein ganzes Stück reicher machen können. Und jeder Tropfen ist ein Zeichen wider das Vergessen. Für uns ist es immer wieder eine Chance, Bescheidenheit zu lernen und Dankbarkeit zu praktizieren.

Herzlichen Dank, dass Sie den Menschen in den Unterkarpaten und unserem Hilfsverein so treu verbunden sind. Wir staunen darüber, dass Gott immer wieder Menschenherzen bewegt und zum Helfen bereit macht.
Besonders dankbar sind wir für alle erlebte Bewahrung auf den Reisen im zu Ende gehenden Jahr 2016.

Auch 2017 können wir mit unserer Hilfe dazu beitragen, Menschen in den Unterkarpaten ihre Sorgen abzunehmen und Probleme zu erleichtern. Und wir geben Ihnen damit oft auch ein ganzes Stück neue Hoffnung. Dankbare Menschen und frohe, glückliche Gesichter – das lohnt sich!

Bekanntlich tragen viele Schultern manche Last leichter. Deshalb bitten wir Sie auch im neuen Jahr um Ihre Hilfe und Unterstützung. Behalten Sie die notleidenden Menschen in den Unterkarpaten in Ihrem Herzen.
Und bitte machen Sie die Arbeit und Projekte des Hilfsvereins Unterkarpaten auch unter Ihren Verwandten, in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis, bei Ihren Arbeitskollegen und Mitschülern sowie in Gemeindekreisen und Vereinen bekannt. Wir freuen uns auf Ihre Ideen und Aktivitäten.

Wir waren auch in diesem Jahr wieder zu einigen Vorträgen unterwegs. Gern kommen wir auch in Ihre Gemeinde und berichten über die Unterkarpaten und seine Menschen, das Leben der Christen dort und unsere Arbeit sowie über die aktuelle Lage. Anfragen richten Sie bitte an den Geschäftsführer.

Hinweisen möchte ich auch auf die Möglichkeit für junge Leute, als Freiwillige ein „Diakonisches Jahr im Ausland“ in der Reformierten Kirche der Unterkarpaten zu leisten. Interessenten wenden sich zur Weitervermittlung ebenfalls an den Geschäftsführer.

Ganz herzlich grüßen wir Sie von Herrn Bischof Sándor Zán und Herrn Pfarrer Péter Szeghljánik.
Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien eine besinnliche Adventszeit, ein frohmachendes Weihnachtsfest sowie Gottes Segen für das neue Jahr!